Ärzte setzen bei der Behandlung von Nervenschmerzen nicht nur
auf Tabletten, sondern zunehmend auch auf andere Verfahren

Manchmal hat Dieter Z. das Gefühl, seine Beine würden in einem Ameisenhaufen
stecken. „Sie kribbeln und brennen wie verrückt, sodass ich kaum
eine Minute ruhig stehen bleiben kann“, sagt der 64-Jährige. Z. hat
seit 28 Jahren Typ-2-Diabetes – und eine diabetische Neuropathie, einen
Nervenschaden infolge erhöhter Blutzuckerwerte.

Mindestens jeder dritte Diabetiker entwickelt früher oder später
eine Neuropathie. Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können die
Symptome ganz unterschiedlich sein. Am häufigsten ist eine Schädigung
der sensiblen Nerven. Typisch dafür sind Kribbeln, Brennen, Schmerzen oder
Taubheitsgefühl in Füßen und Beinen, manchmal auch Händen
und Armen.

Ursachen nicht genau bekannt

„Die genauen Mechanismen, die hinter der Neuropathie stecken, sind noch
nicht endgültig geklärt“, sagt Professor Dan Ziegler, Diabetologe
am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf (DDZ). „Fest steht, dass
ein langjähriger, schlecht eingestellter Diabetes Nervenschäden verursachen
kann.“ Zum einen verursacht der Diabetes Durchblutungsstörungen in
kleinen Blutgefäßen, die auch die Nerven versorgen. Zum anderen entstehen
als Folge der erhöhten Blutzuckerwerte Stoffwechselabbauprodukte und aggressive
Sauerstoffverbindungen, die das Nervengewebe direkt schädigen können.

Etwa jeder fünfte Neuropathie-Patient hat brennende oder stechende Schmerzen,
die meist in Ruhe oder nachts besonders stark sind. Ursache sind falsche Nervenimpulse
ans Gehirn, die schon leichte Berührungen der Füße unerträglich
machen können. Umgekehrt werden echte Schmerzen schlechter oder gar nicht
wahrgenommen. Dann können sich kleine Verletzungen am Fuß unbemerkt
zu tiefen Wunden entwickeln. „Deshalb ist es so wichtig, dass Diabetiker
ihre Füße täglich nach Veränderungen absuchen“, sagt
Ziegler. Außerdem rät er allen Diabetikern, sich mindestens einmal
jährlich beim Arzt auf eine Neuropathie untersuchen zu lassen. Dazu genügen
einfache Tests, etwa der mit der Stimmgabel, der Veränderungen des Vibrationsempfindens
anzeigt.

Weil es kein Medikament gibt, mit dem sich Nerven reparieren lassen, sind optimale
Blutzuckerwerte das A und O. „Dadurch lässt sich das Fortschreiten
der Schäden verzögern oder stoppen. Manchmal können sich die
Nerven sogar teilweise regenerieren“, so Ziegler. Außerdem wichtig:
Blutdruck und Blutfettwerte optimal einstellen. Auf Zigaretten verzichten, sich
mit Alkohol zurückhalten.

Ausprobieren, was hilft

Eine Reihe von Medikamenten hat sich bei Nervenschmerzen bewährt.

Einfache Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol helfen
allerdings oft nicht. Um herauszufinden, was im Einzelfall am besten wirkt und
vertragen wird, müssen häufig mehrere Substanzen ausprobiert werden.

Infusionen mit Alpha-Liponsäure können Studien zufolge nicht nur
den Schmerz lindern, sondern sie verbessern offenbar auch den Stoffwechsel der
Nervenzellen und bekämpfen die bei hohem Blutzucker vermehrt auftretenden
aggressiven Sauerstoffverbindungen (freie Radikale). Dadurch soll die Verschlechterung
der Neuropathie verzögert oder sogar gestoppt werden können. In einer
aktuellen Studie zeigte die Einnahme von Alpha-Liponsäure als Tablette
einen ähnlich positiven Effekt. Weil das Medikament nicht verschreibungspflichtig
ist, werden allerdings die Kosten von den Kassen nicht mehr übernommen.

Dieter Z. hat das Präparat jedenfalls geholfen: „Das Kribbeln und
Brennen in meinen Beinen war schon nach ein paar Wochen besser“, sagt
er. „Als ich die Tabletten dann ein halbes Jahr abgesetzt hatte, wurden
die Schmerzen wieder so unerträglich, dass ich kaum mehr Auto fahren konnte.
Nach ein paar Kilometern musste ich aussteigen und zehn Minuten laufen, um meine
Beine zu beruhigen.“ Wem Alpha-Liponsäure nicht hilft oder zu teuer
ist, dem kann der Arzt Tabletten verordnen, die sonst zur Behandlung von Depressionen
oder Epilepsie eingesetzt werden. So haben sich z. B. trizyklische Antidepressiva
wie Amitriptylin bei Nervenschmerzen bewährt, wegen ihrer möglichen
Nebenwirkungen eignen sie sich aber nicht für alle Patienten.

Antidepressiva gegen die Schmerzen

Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI),
beispielsweise Citalopram, haben zwar weniger Nebenwirkungen, ihre Wirksamkeit
bei der schmerzhaften Neuropathie ist aber nicht ausreichend belegt.

Die schmerzlindernde Wirkung von Duloxetin, einem kombinierten Serotonin- und
Noradrenalin- Wiederaufnahmehemmer (SSNRI), und von Antiepileptika wie Gapapentin
oder Pregabalin konnte dagegen in Studien gezeigt werden.

Wenn andere Medikamente nicht helfen und die Schmerzen unerträglich sind,
können zusätzlich Schmerzmittel bis hin zu starken Opiaten nötig
sein. Auch die Injektion örtlicher Betäubungsmittel kann helfen. Manche
Experten empfehlen, frühzeitig mehrere Substanzen zu kombinieren.

Medikamente wirken nicht sofort

Mit einer medikamentösen Behandlung lässt sich der Schmerz bei jedem
zweiten Patienten im Durchschnitt um die Hälfte lindern. Bei den meisten
Medikamenten dauert es mindestens zwei Wochen, bis die Wirkung eintritt. Anfangs
stehen oft Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel im Vordergrund.
Bessern sich die Schmerzen, können die Medikamente nach einiger Zeit in
Absprache mit dem Arzt versuchsweise reduziert oder sogar wieder abgesetzt werden.

Als Ergänzung zur medikamentösen Therapie lohnt sich ein Behandlungsversuch
mit Methoden wie der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS). Bei
der TENS werden auf der Haut kleine Elektroden befestigt und die Nervenfasern
durch einen schwachen Strom stimuliert. Dadurch wird der Schmerzreiz überlagert.
Patienten können die handlichen TENS-Geräte verordnet bekommen und
sich zu Hause selbst behandeln.

Auch die Hochton-Therapie, eine spezielle Methode der elektrischen Muskelstimulation,
kann Nervenschmerzen lindern. „Vermutlich verbessern die elektrischen
Impulse die Durchblutung der Nerven und den Stoffwechsel in den Nervenzellen“,
so Prof. Dr. Stephan Martin, Leitender Oberarzt am Deutschen Diabetes-Zentrum
in Düsseldorf. Bei der Hochton-Therapie werden Elektroden an den Oberschenkeln
fixiert und die Muskeln durch einen hochfrequenten Strom stimuliert. Für
einen anhaltenden Effekt ist eine Dauerbehandlung nötig. Empfohlen werden
zwei- bis dreimal pro Woche eine halbe Stunde. In einer Studie zeigte die Hochton-Therapie
einen noch besseren Effekt als die TENS, Langzeitergebnisse mit einer großen
Zahl von Patienten liegen aber noch nicht vor. Immer mehr Ärzte bieten
die Behandlung an, allerdings übernehmen die Kassen die Kosten nicht. Auch
die Frequenzmodulierte elektromagnetische Nervenstimulation (FREMS) kann einer
Studie zufolge Nervenschmerzen lindern, vermutlich, weil sie die Nervendurchblutung
anregt.

Trotz Behandlung verschwinden die Schmerzen oft nicht vollständig. „Deshalb
ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, um im Alltag damit klarzukommen. Dabei
kann auch ein Psychologe helfen“, sagt Dr. Johannes Bauer, Psychotherapeut
und Leitender Arzt der Diabetologie an der Hochrheinklinik Bad Säckingen.
„Es ist wichtig, dass man sich von den Schmerzen ablenkt“, rät
Bauer. „Beispielsweise indem man einem Hobby nachgeht oder etwas mit Freunden
unternimmt. Weil Stress die Schmerzen verstärkt, lohnt es sich auch, eine
Entspannungstechnik zu lernen, wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung
oder Yoga.“

Was sonst noch helfen kann:

Salben mit Capsaicin, einem Wirkstoff aus Cayennepfeffer, können manchmal
das Brennen lindern. Sie sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und
eignen sich vor allem bei örtlich klar begrenzten Schmerzen. Weil Capsaicin
bei längerer Anwendung selbst die Nerven schädigen kann, sollte man
die Präparate nicht länger als sechs bis acht Wochen anwenden.

Akupunktur kann in Einzelfällen die Beschwerden lindern. Studien konnten
die Wirkung bei Nervenschmerzen bislang aber nicht belegen.

Bädertherapie: Erfolgt meist als stationäre Kur. Beispiel Vierzellenbad:
Füße und Arme liegen in Wannen mit Wasser, durch das ein schwacher
Strom fließt.

Elektrische Rückenmarksstimulation kann helfen, wenn andere Methoden versagen.
Über eine Sonde werden Impulse zum Rückenmark gesendet, die das Schmerzempfinden
verringern sollen.



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