Der Leidensdruck ist hoch. Doch effektive Therapien bringen die Manneskraft zurück

Schätzungen zufolge leiden rund 18 Prozent der deutschen Männer an Erektionsstörungen. In vielen Fällen entwickelt sich das Problem zu einem Teufelskreis: Die Angst, es könnte wieder nicht klappen, verschlimmert die Situation.

Der Leidensdruck der Betroffenen ist enorm, doch nur selten ist die Lage hoffnungslos. In rund 80 Prozent aller Fälle stecken organische Ursachen dahinter. Neben Durchblutungsstörungen im Penis können dies Nervenstörungen bei Diabetikern oder Parkinson-Patienten sein, seltener mangelt es an dem Sexualhormon Testosteron. Eine Erektionsstörung kann also auch ein Hinweis auf eine versteckte Grunderkrankung sein. „Aus großen Studien wissen wir, dass bei vielen Männern einem Herzinfarkt eine Erektionsstörung um etwa anderthalb bis zwei Jahre vorausgeht.

Die Gefäße im Penis sind sehr sensibel, Störungen im Herz-Kreislauf-System zeigen sich hier schon sehr früh“, sagt Professor Christian Stief, Chefarzt der Urologie am Klinikum München-Großhadern. „Jedes Jahr fischen wir in unserer Ambulanz eine große Zahl von bis dahin unerkannten Diabetikern heraus.“ Ob die „erektile Dysfunktion“ psychische oder organische Ursachen hat, lässt sich durch Selbsttests nicht herausfinden. In jedem Fall müssen organische Ursachen ausgeschlossen und Grunderkrankungen behandelt werden, rät Stief.

Die Möglichkeiten einer Behandlung sind vielfältig. In den meisten Fällen reicht eine Therapie mit Medikamenten aus, die Wirkstoffe wie Sildenafil, Vardenafil oder Tadalafil enthalten. „Interessant ist aber, dass von den Patienten, die gut auf diese Medikamente ansprechen, nur etwa die Hälfte zur Neuverschreibung wiederkommt“, sagt der Urologe. Vielleicht liegt es daran, dass die Medikamente relativ teuer sind und die Kassen sie nicht bezahlen.

Nicht alle Betroffenen sprechen auf die Präparate an. Ein Grund könnte sein, dass bei einer früheren Operation im Unterleib Nervenstränge durchtrennt wurden, die eine Erektion steuern. In diesen Fällen helfen Mittel, die direkt in die Harnröhre eingebracht (Muse) oder in den Schwellkörper gespritzt werden (Skat). In extremen Fällen kann ein Schwellkörper-Implantat in den Penis eingepflanzt werden, das bei Bedarf aufgepumpt wird.

Wissenschaftler arbeiten derzeit an neuen Methoden. Sie wollen funktionierende Schwellkörper aus körpereigenen Zellen des Patienten züchten und einsetzen. Bislang wurde die Methode jedoch nur an Kaninchen erfolgreich angewendet.

Testosteron – Das Männerhormon
Es ist die biochemische Essenz der Männlichkeit: das Testosteron. Als Geschlechtshormon fördert es die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, die Sexualfunktionen, steuert die Fettproduktion und den Haarwuchs, kurbelt die Muskelbildung an, steigert die Aggressivität und setzt die Schmerzempfindlichkeit herab. Ein Mangel an dem Multitalent Testosteron kann in manchen Fällen unangenehme Folgen haben. So können sich neben vermindertem sexuellen Verlangen und Problemen mit der Erektion auch Konzentrationsschwierigkeiten, Antriebslosigkeit und Leistungsminderung zeigen. Während das Körperfett zunimmt, baut der Körper Muskelmasse ab, der Haar- und Bartwuchs gerät ins Stocken, und manche Betroffenen klagen über Schlafstörungen oder sogar verstärkte depressive Verstimmungen. Weil auch die Einlagerung von Kalk in die Knochen gestört werden kann, droht bei anhaltendem Mangel an Testosteron eine Osteoporose.

Die Wechseljahre des Mannes
Betroffen sind in erster Linie Männer mit bestimmten Grunderkrankungen wie dem Klinefelter-Syndrom, einer Unterfunktion der Keimdrüsen in der Pubertät. Doch mit zunehmendem Alter sinkt auch bei gesunden Männern die Testosteronproduktion. Zwischen dem 40. und 75. Lebensjahr nimmt die Konzentration im Blut um rund 30 Prozent ab. Im Gegensatz zu den Wechseljahren der Frau sinkt der Hormonspiegel des Mannes aber nicht relativ schnell, sondern langfristig und schleichend.

So dramatisch die möglichen Folgen des Hormondefizits klingen mögen: Zunächst ist keine Panik angebracht, wenn der Hormonspiegel sinkt. „Ein Mangel an Testosteron muss nicht zwangsläufig zu Beschwerden führen“, entwarnt Professor Wolfgang Weidner, Chefarzt der urologischen Klinik in Gießen. Behandeln müsse man einen niedrigen Testosteronspiegel erst dann, wenn gleichzeitig deutliche Krankheitssymptome vorliegen.

Grunderkrankungen behandeln
In jedem Fall sollten aber vor einer künstlichen Gabe von Testosteron andere Ursachen ausgeschlossen werden. Schon regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung bringen den Testosteronwert häufig auf ein normales Maß zurück oder lassen die lästigen Beschwerden verschwinden. Sprechen sowohl Symptome als auch Hormonwerte für eine Testosteronersatztherapie, kann diese unter ärztlicher Aufsicht begonnen werden. Hier kommen Injektionen, Pflaster oder ein Gel in Betracht. Männer, die an Prostata- oder Brustkrebs sowie an bestimmten anderen Erkrankungen leiden, müssen allerdings auf einen Testosteronersatz verzichten. Zwar löst das Sexualhormon selbst keinen Krebs aus, kann aber zum Beispiel das Wachstum eines bestehenden Prostatakarzinoms fördern.

Hormonempfindliche Haarwurzeln
Auch beim erblichen Haarausfall ist Testosteron beteiligt. Ursache ist aber nicht das Hormon allein, sondern eine Überempfindlichkeit der Haar wurzeln gegen Dihydrotestosteron, eine Zwischenstufe des Sexualhormons. Medikamentös lässt sich der Haarausfall mit Wirkstoffen behandeln, die in diesen Hormonhaushalt eingreifen (17-Alpha-Estradiol und Koffein zur lokalen Anwendung, das rezeptpflichtige Finasterid zum Einnehmen) oder die Durchblutung der Kopfhaut anregen (Minoxidil).