Männer sind schwierige Patienten. Sie treiben Raubbau an ihrem Körper und lassen die Vorsorge schleifen. Doch das Umdenken beginnt
Seit jeher gelten die Männer als das starke Geschlecht. Was im Hinblick auf Körperkraft und Aggressionspotenzial stimmen mag, hält jedoch in vielerlei anderer Hinsicht wissenschaftlichen Erkenntissen nicht stand. Gesundheitlich gesehen zum Beispiel sind Männer eindeutig im Nachteil. Statistiken zeigen, dass sie in Deutschland früher in die Erwerbsunfähigkeitsrente geschickt werden als Frauen und im Durchschnitt 6,4 Jahre eher sterben.
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Schon vor der Geburt kann die genetische Veranlagung eine Rolle spielen – auch wenn Experten den Einfluss der Gene für vergleichsweise gering halten. Weil Frauen das X-Chromosom in doppelter Ausführung besitzen, können Schäden an einem Chromosom leicht von dem anderen ausgeglichen werden. Der Mann trägt hingegen mit einem X- und einem Y-Chromosom zwei unterschiedliche Geschlechtschromosomen in sich. Ist eines teilweise defekt, kann nicht einfach das andere „einspringen“. Männer sind daher häufiger von Erbkrankheiten betroffen.
Eine weit wichtigere Rolle für die Männergesundheit spielt der Botenstoff Testosteron. Neben seiner unerlässlichen Aufgabe als Sexualhormon hat es auch negative Seiten: Es senkt das „gute“ Cholesterin HDL im Blut, beschleunigt Stoffwechselvorgänge und fördert somit indirekt zusätzlich die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Dabei haben Männer im Alter von 40 Jahren generell ein bis zu dreimal höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Frauen“, erklärt Professor Hans-Dieter Allescher, Chefarzt am Zentrum für Innere Medizin am Krankenhaus Garmisch-Partenkirchen.
Experten gehen jedoch davon aus, dass die größten Auswirkungen auf die Gesundheit der Männer aus deren Lebenswandel resultieren. Einen deutlichen Hinweis darauf gibt zum Beispiel eine Studie aus dem Jahr 2002. Der Wissenschaftler Marc Luy, Juniorprofessor für Demografie an der Universität Rostock, verglich darin über einen längeren Zeitraum die Lebenserwartung von bayerischen Nonnen und Mönchen mit der Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung insgesamt. Das Ergebnis der als „Klosterstudie“ bekannt gewordenen Untersuchungen: Anders als ihre weltlichen Geschlechtsgenossen haben die Klosterbrüder einen geringeren Nachteil bei der Lebenserwartung. Sie sterben im Schnitt nur etwa zwei Jahre früher als Nonnen.
Außer dem göttlichen Beistand dürfte der Grund wohl vor allem im ruhigen und beschaulichen Klosterleben mit geregeltem Tagesablauf und gesunden Mahlzeiten zu suchen sein – ohne Hektik und Stress. Im weltlichen Alltag bringt die massive Arbeitsbelastung eine große Gefahr für die Gesundheit mit sich.
Unter starkem Druck
Vielfach ist der Mann Haupternährer der Familie und steht dadurch unter starkem Druck. Während Führungskräfte meist lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen, sind Arbeitnehmer in untergeordneten Positionen öfter mit gefährlichen Situationen im Job konfrontiert und haben wesentlich häufiger Arbeitsunfälle als Frauen. Außerdem empfinden viele Männer in unteren Hierachie-Ebenen eine Machtlosigkeit, die mit ihrem – anerzogenen oder angeborenen – Machtbedürfnis kollidiert. Das stresst. Doch nur eine Minderheit ergreift Maßnahmen, um den Stress zu verringern. So ergab eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der Apotheken Umschau, dass nur jeder elfte Mann (9,0 Prozent) Entspannungsmethoden wie Yoga oder Meditation zum Stressabbau nutzt. Hilfreich können auch pflanzliche Beruhigungsmittel wie Baldrian, Johanniskraut- oder Passionsblumenextrakt sein.
Neben Stress stehen Nikotin- und Alkoholmissbrauch ganz oben auf der Liste der Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und auch hier liegen die Männer vorn. Während nur 32,1 Prozent der befragten Frauen rauchen, greifen immer noch 40,6 Prozent der Männer zum Glimmstängel. Noch dramatischer sind die Zahlen beim Alkohol: 73,3 Prozent der Frauen verzichten weitgehend darauf, von den Männern leben dagegen nur 46,6 Prozent abstinent. Zwar ist das Gläschen Rotwein ab und zu nicht nur erlaubt, sondern sogar gesund – doch wird die Grenze allzu häufig überschritten.
Männer essen öfter ungesund
Der laxe Lebensstil zeigt sich auch bei der Ernährung: Sieben von zehn Frauen (72,4 Prozent) achten besonders darauf, dass Gesundes auf den Teller kommt. Männer sehen das nicht so eng: Nur 52,3 Prozent geben an, gesund zu essen. Fast Food, deftige Mahlzeiten und ungebändigter Appetit haben Folgen: Übergewicht mit erhöhtem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine ausgewogene Ernährung mit wenig tierischen Fetten, viel Ballaststoffen, frischem Gemüse und Obst könnte das Körperfett verringern und vielen Erkrankungen vorbeugen.
Beim Sport dagegen ist das starke Geschlecht tatsächlich stark: 53,8 Prozent der befragten Männer treiben mindestens eine Stunde wöchentlich Sport, bei den Frauen sind es 47,4 Prozent. Doch anscheinend haben die Frauen einen genetischen Vorteil: Eine an der Uniklinik Groningen (Niederlande) durchgeführte Studie zeigte, dass sie überflüssige Pfunde besser verkraften als Männer. Selbst mit Übergewicht haben sie eine größere Ausdauer und einen besseren Stoffwechsel, außerdem nehmen sie mehr Sauerstoff auf.
Schließlich wird die Lebenserwartung auch durch die Suizidrate gedrückt. So begehen zwar mehr Frauen Selbstmordversuche als Männer, doch sterben weit mehr Männer durch Selbsttötung. „Vermutlich weil sie drastischere Methoden wählen“, mutmaßt Professor Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie an der Universität Leipzig.
„Männer leiden auch häufiger unter Depressionen, als man denkt“, so der Experte. „Wahrscheinlich werden diese oft nicht erkannt, weil sie sich ,tarnen‘, beispielsweise hinter Rückenschmerzen.“ Auch Aggressionen und Gewaltausbrüche sind in vielen Fällen Symptome, die die eigentliche Erkrankung verschleiern. Nachgewiesen ist zudem, dass Väter nach Geburten ebenso von Depressionen heimgesucht werden können wie Mütter. Laut einer Studie, die kürzlich im Fachmagazin Pediatrics veröffentlicht wurde, entwickeln rund 14 Prozent der Mütter nach der Geburt eines Kindes eine mittelschwere bis schwere Depression. Bei den Vätern ist etwa jeder Zehnte davon betroffen.
Situation hat sich gebessert
Um eine Wende des negativen Trends herbeizuführen, müssen Männer ihre Gesundheit mehr in das Bewusstsein rücken. Kleine Fortschritte sind nach Meinung mancher Experten zu erkennen. Insbesondere die Andrologen sind mit ihren Patienten recht zufrieden. „Männer, die in unsere Sprechstunde kommen, sind eigentlich sehr motiviert“, lobt Professor Wolfgang Weidner, Chefarzt der urologischen Klinik Gießen. Auch der Münchner Androloge Professor Frank-Michael Köhn sieht einen positiven Trend: „Bei Männern hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es Vorsorgemöglichkeiten gibt.“
Ein weiteres Indiz für eine verantwortungsbewusstere Sichtweise von Männern in Sachen Gesundheit sieht Köhn in der Fortpflanzungsmedizin. So seien sie bei ungewollter Kinderlosigkeit in einer Partnerschaft lange Zeit davon ausgegangen, dass sie selbst keinesfalls betroffen seien. Heute ließen jedoch immer mehr Männer freiwillig ihre Zeugungsfähigkeit untersuchen. Tatsächlich liege, so Köhn, die Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit zu 40 Prozent bei der Frau und ebenso häufig beim Mann. Bei den restlichen 20 Prozent liege es an beiden Partnern.
Zumindest was die Vorsorge-Willigkeit der Männer betrifft, ist Internist Allescher jedoch ganz anderer Meinung als seine Andrologen-Kollegen: „Männer sind hier deutlich schlechter als die Frauen. Allein die Darmkrebsvorsorge nutzen sie nur halb so oft.“ Und auch Professor Christian Stief, Chefarzt der Urologie am Klinikum München-Großhadern, ist unzufrieden: „Etwa 25 bis 35 Prozent unserer Patienten mit Prostatakarzinom kommen zu spät zu uns: wenn der Tumor bereits aus der Organkapsel herausgebrochen ist.“
Das Ergebnis der GfK-Umfrage bestätigt diesen Missstand. Während 72,9 Prozent der Frauen angeben, mindestens alle ein bis zwei Jahre die für ihr Alter vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt durchführen zu lassen, tun das nur 56,5 Prozent der Männer. Diese Zahlen beruhen auf Patientenangaben, und Allescher hält sie für überhöht. „Bei der Darmkrebsvorsorge sieht es viel schlimmer aus“, klagt der Experte. Jährlich würden sich nur drei Prozent der Anspruchsberechtigten einer Darmspiegelung unterziehen.
Warum das so ist, lässt sich schwer erklären. Laut GfK-Umfrage ist mangelnde Information ein häufiger Grund. So wissen etwa drei von vier Männern, die keine regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen durchführen lassen, nicht genau, welche es überhaupt gibt. Und vier von fünf Männern dieser Gruppe (80,1 %) haben einfach keine Lust, deswegen „stundenlang“ in einer Arztpraxis zu warten. Viele wollen auch gar nicht wissen, ob sie krank sind. Weiterhin werden also die meisten erst dann zum Arzt gehen, wenn es ihnen schlecht geht: 93,4 Prozent der männlichen Befragten ohne regelmäßige Vorsorgeuntersuchung bestätigen dieses riskante Verhalten.
Frauen müssen Einfluss nehmen
Auch sonst scheint sich Adam nicht allzu sehr für seinen Gesundheitszustand zu interessieren. So kennen nur 44,3 Prozent aller Männer ihre aktuellen Blutdruckwerte, bei den Frauen liegt der Anteil um fast 11 Prozent höher. Auch Blutzucker- und Cholesterinwerte haben Frauen eher parat. Nur ihr Körpergewicht können 90,1 Prozent aller befragten Männer auf Anhieb nennen. Immerhin.
Interessant ist auch, was der Wiener Internist Professor Siegfried Meryn feststellte: Die kürzesten Gespräche in Arztpraxen sind die zwischen männlichen Ärzten und männlichen Patienten. Meryn rügt auch, dass Männer zu lange warten, bis sie zum Arzt gehen. So dauere es bei ihnen durchschnittlich zehn Tage, bis sie sich bei Blutbeimengungen im Stuhl zum Praxisbesuch aufraffen; Frauen warten nur drei bis fünf Tage.
Bis sich das Gesundheitsverhalten der Männer ändert, werden noch viele Anstrengungen vonseiten der Ärzte, Apotheker und nicht zuletzt der eigenen Familien nötig sein. Meist müsse die Frau oder Freundin Einfluss auf den Mann nehmen, damit er zur Vorsorge geht, weiß Professor Paolo Fornara, Direktor der urologischen Universitätsklinik Halle. „Aber“, betont Fornara, „ich sehe auch ein zunehmendes Bewusstsein.“
