Bis zu drei Prozent der Erwachsenen leiden unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Extreme emotionale Spannungen prägen das Leben Betroffener
Nirgends passe ich dazu. Ich bin wie eine Außerirdische auf dieser Welt, denke und fühle ganz anders als die übrigen Menschen.“ Mit diesen Worten beschreibt die 33-jährige Meike Graf (Name geändert) das Lebensgefühl, das sie schon vor der Pubertät geprägt hat. Phasenweise wurde dieses „Anderssein-Gefühl“ so stark, dass sie keinen Ausweg mehr sah. Schon mit zwölf Jahren hatte sie starke Suizidgedanken, denen später mehrere Selbstmordversuche folgten.
„Der Gedanke, dass ich jederzeit Schluss machen kann, hat mein Leben lange Zeit überhaupt erst aushaltbar gemacht“, sagt Graf, die heute die meiste Zeit symptomfrei ist und ihre Erkrankung gut im Griff hat. Im Alter von 21 Jahren hatten die Ärzte eine Borderline-Persönlichkeitsstörung bei ihr festgestellt. Seitdem unterzog sie sich mehreren Therapien. Mit Erfolg: Mittlerweile organisiert sie eine Selbsthilfegruppe für Borderliner und arbeitet mit psychisch Kranken. Auch die 40-jährige Regine Schaub engagiert sich in der Selbsthilfe (siehe www.borderline-community.de). „Der Kontakt mit anderen Betroffenen hilft mir. Man ist nie alleine und sieht viele Parallelen, aber auch Unterschiede zu seiner eigenen Geschichte.“
Beziehungen als Fallstricke
Borderliner sind Beziehungsfanatiker: Sie wollen in Kontakt treten, können aber oft nicht. Viele beschreiben sich als äußerst offen und besonders sensibel für zwischenmenschliche Situationen. Auf der anderen Seite bestimmt extremes Misstrauen ihre sozialen Beziehungen. Nur sehr schwer bauen sie ein enges Vertrauensverhältnis zu anderen auf.
Borderliner fallen auf. Die Störung zeigt sich fast ausschließlich in der schwierigen Gestaltung von Beziehungen – egal ob im privaten Umfeld, in der Familie oder im Beruf. „Persönlichkeitsstörungen sind Interaktionsstörungen“, erklärt Dr. Michael Armbrust Chefarzt der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt. „Die Betroffenen haben häufig Schwierigkeiten mit anderen Menschen. Sie kommen mit der Umwelt und mit sich selbst nicht gut zurecht.“ Selbstwertprobleme und Depressionen begleiten das Sich-in-der-Welt-nicht-Wiederfinden. Geistig verwirrt oder „verrückt“ sind die Patienten jedoch nicht.
Keine Kontrolle über die Gefühle
Der Grund für die typischen Probleme und zentrales Symptom der psychischen Erkrankung ist emotionale Instabilität. In der Fachsprache heißt die Störung daher auch korrekt „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“. Womit Betroffene wie Meike Graf und Regine Schaub sich und anderen das Leben schwer mach(t)en: Impulsivität und extreme Probleme, die Gefühle zu regulieren, was sich in heftigen Stimmungsschwankungen äußert.
„Gesunde haben vielleicht einmal einen schlechten Tag, bei Borderlinern geht es dauernd um den Wechsel von guten und schlechten Stunden“, weiß Armbrust. Die Stimmung schlägt aus dem Nichts heraus um, „so, als ob man einen Schalter umlegt“. Regine Schaub bestätigt: „Eine Kleinigkeit kann reichen, damit ich regelrecht ausraste. Da habe ich schon Sachen durch die Gegend geworfen.“
Jeder Tag wird zur Qual
Betroffene sehen also scheinbar ohne Grund plötzlich rot. „Ein gesunder Mensch kann normalerweise kontrollieren, wie weit er seine Gefühle ausreizt. Ein Borderliner setzt seine Gefühle, Stimmungen und Ideen unmittelbar in Handlungen um, ohne auf die Folgen für sich und seine Umwelt zu achten“, präzisiert Dr. Andreas Allner, Arzt auf der Station für Patienten mit Frühstörungen im Bezirkskrankenhaus Haar bei München. Oft ist es nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und die Patienten so unverständlich reagieren lässt.
Borderliner nehmen emotional schwierige Situationen im Einzelnen nicht als solche wahr, sind sich über die Auswirkungen auf ihre Gefühle nicht im Klaren. „Sie merken nicht, dass sie sich über diesen oder jenen ärgern oder traurig sind, weil jemand sie verletzt hat. Sie sind sich dieser Stimmungen nicht wie Gesunde bewusst. Stattdessen fressen sie alles in sich hinein, die Spannung steigt, und an irgendeinem Punkt, der meist völlig banal ist, kippt das dann“, sagt Armbrust. Jeder Tag wird zur Qual.
Selbstverletzung als Ventil
Meike Graf kennt solche Situationen nur zu gut. „Da reicht die linke Socke, die nicht auffindbar ist, als Auslöser. Automatisch steigert man sich dann in ganz negative Gefühle hinein.“ Selbstverletzungen waren für sie lange ein Ventil, um Spannung abzubauen, die extremen Gefühle zu kanalisieren und wieder in Balance zu kommen.
„Ich habe mich meist mit Rasierklingen geschnitten. Ab und zu mit Zigaretten verbrannt oder mit kochendem Wasser verbrüht.“ Auch Regine Schaubs Unterarme sind mit Narben übersät. Sie stammen von Wunden, die sie sich mit einem Taschenmesser zugefügt hat. „Wenn ich schneide, werde ich ganz ruhig. Der Schmerz kommt erst viel später.“
Experte für sich selbst werden
Fast 80 Prozent der Borderliner ritzen, schneiden oder brennen. Viele leiden unter Essstörungen, trinken oder nehmen Drogen. Häufig sind diese Verhaltensweisen nichts anderes als verschlüsselte Rufe nach Hilfe. „Ich habe das manchmal als Beweis dafür gebraucht, dass es mir schlecht ging, und damit jemand fragt, was los ist“, sagt Graf. „Oder auch um Leute zu strafen. Denn jeder reagiert darauf.“ Wenn keine Hilfe erreichbar ist, sondern nur noch unerträgliche existenzielle Leere herrscht, nehmen sich etwa zehn Prozent der Borderliner das Leben.
Die tieferen Ursachen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sehen Experten in auffälligen Familienstrukturen in der ersten Lebensphase. „Meist wurden die Betroffenen durch Bezugspersonen in ihrer Entwicklung sehr vernachlässigt“, sagt Allner. Auch ein aggressiv-autoritärer Erziehungsstil, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen spielen eine Rolle. Die Betroffenen reagieren darauf mit einer „Überlebensstrategie“: Stimmungsschwankungen, Misstrauen und sozialer Rückzug sind ihre Schutzmechanismen gegen eine als feindlich erlebte Umwelt.
Gelerntes Verhalten korrigieren
Neue Therapiekonzepte setzen an der Korrekturdieses gelernten Fehlverhaltens an. „Aber nicht die Erfahrungen an sich sollen korrigiert werden, sondern die daraus resultierenden Haltungen auf der Verhaltens- und Denkebene“, erklärt Armbrust. Erfolgversprechend ist vor allem die so genannte dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), ein verhaltenstherapeutisches, handlungsorientiertes Konzept, das überwiegend stationär, aber auch ambulant oder in kombinierter Form durchgeführt wird.
„Die Patienten lernen dabei Strategien, die sie sofort umsetzen können“, sagt Armbrust. Etwa Stresstoleranztechniken zur Gefühlsregulation und Maßnahmen zur Selbstfürsorge sowie zur Beziehungssteuerung. Trainiert wird die Fähigkeit, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, zu analysieren und gezielt zu beeinflussen. „Dazu gehören zum Beispiel solche Dinge wie bis zehn zählen, wenn man wütend ist. Oder Eiswürfel über das Handgelenk streichen, wenn man sich nicht mehr spürt“, erzählt Patientin Graf. Kalt duschen, auf eine Chilischote beißen oder gegen einen Sandsack boxen sind weitere Akutstrategien der etwa 150 Punkte umfassenden Selbsthilfeliste.
„Am Anfang habe ich gedacht, das ist Selbstbetrug. Aber letztendlich lernt man sich durch diese Übungen sehr gut kennen. Ich merke heute schon früh, wenn ich unter Anspannung komme, und steuere dann automatisch gegen.“ Langfristig ermöglichen es die in einer Gruppe geübten Verhaltensexperimente, Zugehörigkeitsgefühle aufzubauen, Vertrauen zu erleben und die Körperwahrnehmung sowie die situative Achtsamkeit zu verbessern.
Musterbeziehung bringt Halt
Ein alternativer Behandlungsansatz ist die „übertragungsfokussierte Psychotherapie“ (Transfer Focussed Psychotherapy, TFP). Bei diesem Konzept steht weniger das praktische Fertigkeitentraining im Vordergrund als vielmehr die unmittelbare Arbeit an der Beziehung zwischen Therapeut und Betroffenem. Diese soll dann beispielhaft für das generelle Beziehungsverhalten des Patienten sein.
Ziel der Behandlung ist es, mehr Halt in das Leben des Kranken zu bringen. Regine Schaub: „Ich hoffe, dass ich durch die Therapie immer stabiler werde, so dass ich auch wieder arbeiten kann. Denn ich würde mich unheimlich gern beruflich, nicht nur ehrenamtlich im Tierschutz engagieren und damit mein eigenes Geld verdienen.“
Borderline – Störung der Persönlichkeit
Ursprünglich wurde die psychische Erkrankung als Störung an der Grenze (engl. Borderline) zwischen Neurose und Psychose definiert. Heute heißt sie wissenschaftlich exakter „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“.
Typische Kennzeichen: erhöhte zwischenmenschliche Verletzbarkeit, niedrige Frustrationstoleranz, mangelhafte Impulskontrolle, Identitätsunsicherheit, innere Leere, distanziertes soziales Verhalten und Selbstverletzungen.